„Es ist eine Ehre für diese Stadt, diesen Verein und die Bewohner Nürnbergs zu spielen.“ So formulierte Club-Torwart Heiner Stuhlfauth seine Passion für den 1.FC Nürnberg. Viele Fans präsentieren dieses Vermächtnis seither auf T-Shirts, Schals und Fanartikeln. Auch in den Nacken des Club-Trikots war es bereits gestickt. Stuhlfauth sprach vom 1.FC Nürnberg als Verein, eine Gemeinschaft von Mitgliedern unterschiedlichster Couleur. Nach Plänen der Vorstände und des Aufsichtsrats des 1.FC Nürnberg könnte diese 116-jährige Vereinschronolgie bald ein Ende finden. Aus dem 1.FCN e.V. soll eine Kapitalgesellschaft werden.

Die finanzielle Schieflage

Der 1.FCN steckt die letzten Jahre in finanziellen Schwierigkeiten. Spätestens seit dem erneuten Abstieg in die 2. Bundesliga kämpft der Verein um Einnahmen. Nachdem das Vorhaben Baders scheiterte den Club auf finanziellen Pump zurück in die Bundesliga zu führen, haben die neuen Vorstände Meeske und Bornemann den 1.FCN nach eigener Aussage deutlichen Sparmaßnahmen unterzogen. Doch der sportliche Aufstieg ist schwer: Letzte Saison scheiterte die Mannschaft knapp in der Relegation. Auf dem direkten Aufstiegsplatz rangierte RB Leipzig. Ein Club, der durch seine Gesellschaftsform und Verbindung zu Red Bull, über bessere finanzielle Mittel verfügt. - Im „Konzert der Großen“ mitzumischen scheint ohne einen finanzstarken Geldgeber im Rücken nicht mehr möglich.

Die naheliegende Schlussfolgerung: Auch der 1.FCN muss sich Investoren öffnen. Die derzeitige Satzung des Clubs als eingetragener Verein bietet diese Möglichkeit nur in beschränktem Maße. Um Gelder zu akquirieren muss der Verein seine Rechtsform ändern.

Diese Argumentation ist nachvollziehbar. Doch sie ist fatal.

Der schlechteste Zeitpunkt

Der aktuelle Zeitpunkt ist der schlechteste, um den FCN in eine Gesellschaft umzuwandeln. Warum? Weil der Wert des 1.FCN derzeit leider denkbar gering ist. Der Club hat Verbindlichkeiten, spielt das dritte Jahr in Folge in der 2. Bundesliga und belegt dort zur Länderspielpause im Oktober 2016 nur Platz 14. Wer jetzt ausgliedern möchte, der muss sich bewusst sein, dass die Anteilswerte am 1.FCN niedrig sein werden. Der FCN, in seiner momentanen Verfassung, wäre ein denkbar beliebtes Objekt für Spekulanten: eine angeschlagener Traditionsclub, mit großer Anhängerschaft und regionaler Vernetzung, dessen Wert bei einsetzendem sportlichen Erfolg rasch steigen könnte. Dabei garantiert jedoch niemand das langfristige Interesse eines Investors am 1.FCN. „Erst die 'Cash cow' melken, dann den 'poor dog' aushungern“ wäre beim Club ein leider denkbares Negativszenario.

Wirtschaftlich wäre die Umwandlung, etwa in eine Aktiengesellschaft, nämlich auch nur Zeiten prosperierenden Geschäfts sinnvoll. Wenn ein zukunftsträchtiges Leistungsportfolio vorhanden ist und externes Kapital den Ausbau der eigenen Marktposition garantiert. Im „volatilen Marktumfeld“ des 1.FCN ist weder das eine noch das andere sichergestellt. Ein Fußballverein ist nun mal nicht mit einem herkömmlichen Wirtschaftsunternehmen zu vergleichen. Oder einfacher gesprochen: Schießt Geld wirklich Tore? - Ein Blick in andere Städte beweist das Gegenteil.

Investoren bei Traditionsclubs: Eine Bilanz

Die beiden Musterbeispiele für den Verbleib im e.V. sind sicherlich die Fälle 1860 München und Hamburger SV.

2011 stieg der Öl- und Immobilienhändler Hasan Ismaik mit 18 Millionen Euro beim TSV 1860 ein, wenngleich seinem Einfluss durch die 50+1-Regel Grenzen gesetzt sind. Diese Beschränkungen relativieren sich jedoch, da Ismaik gleichzeitig 90 Prozent der Vermarktungsfirma H. I. Squared International hält, die seit 2011 für die Vermarktung des TSV 1860 zuständig ist. Außerdem ist Ismaik Vorsitzender des sechsköpfigen Aufsichtsrats, in dem neben ihm seine beiden Brüder Abdelrahman und Yahya sitzen. Faktisch besitzt Ismaik, dessen Vermögen laut Forbes Magazine auf rund 1,6 Milliarden Euro geschätzt wird, somit die Weisungsbefugnis beim TSV. Selbst wenn Sechzig formal noch zu über 50 Prozent seinen Mitgliedern gehört, befindet sich der Verein in den Händen einer externen Drittperson. - Doch hat sich dessen Einstieg mittelfristig positiv auf das Clubgeschehen ausgewirkt? Im Gegenteil: In den vergangenen beiden Jahren spielten die Löwen gegen den Abstieg; noch immer im überdimensionierten Stadion des Lokalrivalen außerhalb der Stadtgrenzen.

Auch beim HSV sollte eine Ausgliederung des e.V. in eine Aktiengesellschaft schnelle Hilfe leisten. Über Jahre hinkten die Hamburger ihren Ansprüchen hinterher. Die Öffnung für Investoren sollte neue Geldmittel ans Land ziehen. 2014 wurde die Fußballabteilung des HSV in eine AG umgewandelt. Im Frühjahr 2016 hatte der Verein noch immer rund 90 Millionen Euro Verbindlichkeiten (2014: 100 Millionen). Die wirtschaftliche Konsolidierung blieb weitestgehend aus, auch wenn sich Edel-Fan Klaus-Michael Kühne im Januar 2015 für 18,75 Millionen Anteile sicherte. Die einstigen „Reformer“ aus Reihen der Initiative „HSVPlus“ sind inzwischen resigniert ob der stümperhaften Umsetzung ihrer damaligen Pläne. Auch auf das sportliche Geschehen hatte die Ausgliederung keinen positiven Effekt. 2014/15 rettete sich der HSV erneut nur über die Relegation. Zur Länderspielpause im Oktober 2016 rangiert er erneut abgeschlagen auf dem letzten Tabellenplatz.

Ähnlich verhält es sich in anderen Städten. Werder Bremen etwa gliederte 2002/03 seine Profiabteilung in die Profifußball SV Werder Bremen GmbH & Co KG a. A aus. Nach einigen Jahren an der Spitze der Tabelle und Champions League-Teilnahmen stürzte der Verein in den vergangenen Jahren in immer stärkere finanzielle Probleme. Von 2011/12 bis 2014/15 machte der Club zuletzt jedes Jahr ein Minus von bis zu 13,9 Millionen Euro. Ob die Zahlen nach der vergangenen Spielzeit, als der Verein nur knapp den Abstieg verhinderte, dieses Jahr besser aussehen, bleibt anzuzweifeln.

Klar ist natürlich, dass das Pendel auch in die andere Richtung ausschlagen kann. Ausgegliederte Clubs wie Hertha BSC Berlin oder der FC Köln präsentierten zuletzt gute Zahlen. Beide Gesellschaften standen in den Vorjahren jedoch mehrfach vor massiven finanziellen Problemen. Ob der 1.FC Nürnberg ein solches Risiko eingehen sollte ist fraglich. Die Öffnung für Investoren garantiert keinen sportlichen Erfolg. Das Geld Dritter nimmt dem Verein keine strategisch richtigen Entscheidungen ab.

Die Mitglieder des 1.FCN sollten sich gut überlegen, ob sie den Verein der Finanzspekulation aussetzen wollen. Das finanzielle Risiko minimiert sich durch eine Ausgliederung nicht. Im Gegenteil: Die Gefahr unüberlegter Expansion und folgenschwerer Fehlentscheidungen ist nun mehr um so größer.

Die Zukunft des e.V.

Wir sind davon überzeugt, dass auch die Rechtsform des e.V. zukunftsfähige Modelle hergibt, mit denen sportlicher Erfolg möglich ist. Wir sind für Reformen beim 1.FC Nürnberg und einen ergebnisoffenen Prozess zur Verbesserung unserer Satzung. Andere Vereine machen es bereits vor: Auch 2016 ist es möglich als e.V. in der Bundesliga mitzumischen.

Schalke 04 verfügt etwa über eine sehr progressiv gedachte Satzung. Nur sechs Mitglieder des Aufsichtsrats werden direkt von der Jahreshautversammlung gewählt. Drei weitere Mitglieder bestimmt der Aufsichtsrat selbst. Ein weiteres Mitglied ist Vertreter des Schalker Fanclubverbandes, ein anderes entstammt einer der Sportabteilungen. Um das Chaos bei der JHV zu minimieren prüft ein Wahlausschuss vorab die Kandidaten hinsichtlich ihrer Tauglichkeit. Das Schalker Konzept hat sich dahingehend bewährt, da es wirtschaftliches Know-How garantiert und Fan-Belange berücksichtigt. Die Entscheidungsgewalt liegt immer noch bei den Mitgliedern.

So wie auch andernorts: Mainz 05, ein e.V., der in seiner Größe und Bekanntheit durchaus mit dem Club verglichen werden kann, spielt seit Jahren erfolgreich in der Bundesliga. Und wer erwähnt, dass zukünftig nur Vereine wie Red Bull eine Chance hätten, der darf nicht unerwähnt lassen, dass in der Schlusstabelle der letztjährigen 2. Bundesliga mit dem SC Freiburg ein e.V. auf Platz 1 stand.

Weder Romantik noch Starrsinn

Mit dieser Initiative geht es uns nicht um Traditionalismus oder Fußballromantik. Wir verstehen die Besorgnis, die aktuell viele Club-Mitglieder umtreibt. Auch wir sind besorgt. Doch sollten wir alle einen Moment inne halten und überlegen: Löst eine Ausgliederung unsere Probleme?

Ist es garantiert, dass der 1.FCN finanzstarke Investoren findet? Gelingt es durch das Geld Verbindlichkeiten zu decken; wie viel Geld würde wirklich in unsere Kassen geschwemmt? Könnten wir auf diesem Weg wirklich mit Vereinen, die jährlich viel höhere Summen akquirieren, konkurrieren? Was würde uns die Etablierung in der Bundesliga tatsächlich kosten? Ist das ein gangbarer Weg für den 1.FC Nürnberg? Lohnt es sich dafür die Entscheidungsgewalt von uns Mitgliedern weitestgehend für immer aufzugeben?

An Stelle einer Ausgliederung in eine Anteilsgesellschaft wünschen wir uns den Verbleib im e.V.. Wir wünschen uns die Reformierung der Satzung des 1.FC Nürnberg e.V. und appellieren an alle Mitglieder ihre Mitspracherecht nicht aufzugeben.

 

Initiative „Mein Club, mein Verein“
Oktober 2016