Nach einer Ausgliederung wird alles besser? Mit Hertha BSC Berlin haben wir uns ein weiteres Beispiel dafür angeschaut. Im Fokus: Die sportliche Entwicklung und das Verhalten nachdem ein Investor eingestiegen ist.

Hertha Platzierungen

Wie das Schaubild zeigt, erfolgte die Ausgliederung bei Hertha BSC bereits im Jahr 2001 zu einer sportlich gesehenen sehr guten Zeit. Damals stieg aber noch kein Investor ein.

Ab der Saison 2009/2010 ging es für Hertha dennoch in die zweite Liga. Damit einher ging eine finanziell sehr angespannte Situation, von der sich der Verein wahrscheinlich nicht ohne einen Investor hätte erholen können. Deshalb stieg im Januar 2014 die Private Equity-Gesellschaft KKR bei Hertha BSC mit 61,2 Millionen Euro ein. Ein Teil dieses Investments zahlte KKR als sogenannte Signing Fee, das heißt als einmalige Zahlung bei Beginn eines Vertrags. Zusätzlich sicherte sich KKR 9,7 Prozent der Anteile der GmbH & Co KGaA. Der restliche Betrag wurde nur als Darlehen gewährt. Ob und wieweit hierfür Zinszahlungen fällig wurden, ist uns nicht bekannt. In der aktuellen Zinssituation kann aber von einem Zinssatz (minimal) zwischen drei und sieben Prozent ausgegangen werden.

Durch die Einlage der KKR konnte Hertha das negative Eigenkapital ausgleichen und positives Eigenkapital aufbauen. An der grundlegenden Situation des Vereins hat sich aber nichts geändert: Die Hertha macht weiterhin Jahr für Jahr Verlust.

Wie das Handelsblatt berichtet, wuchs das Eigenkapital 2014 auf 21,37 Millionen Euro an, nachdem es vor dem KKR-Einstieg noch bei minus acht Millionen Euro gelegen hatte. Für die Spielzeit 2015/16 erzielte Hertha BSC Erträge in Höhe von 95,2 Millionen Euro. Dem stand ein Aufwand von 103 Millionen Euro gegenüber. Wie im Vorjahr blieb damit auch in der Saison 2015/16 unter dem Strich ein Verlust von 7,8 Millionen Euro. Die Schulden sind somit von 15,9 auf 21,22 Millionen Euro gestiegen. Immerhin: Darunter sind keine Bankschulden, für die Zinsen gezahlt werden müssen.

Zusätzlich zu den Anteilen bestand das Investment der KKR aus einem Darlehen, dass das Unternehmen der Hertha gewährt hat. Dieser Darlehensvertrag endet 2021. Sollte der Club von der Spree zu diesem Stichtag nicht das Geld besitzen, um die Tilgung zu leisten, hat KKR die Alternative, weitere 33 Prozent der Anteile an der GmbH & Co KGaA zu erwerben. Damit wäre das Darlehen zwar getilgt, aber der Investor besäße 42,7 Prozent der Anteile an der Gesellschaft.

Da das Geld von KKR nicht ausreicht, um die gestiegenen Ansprüche und Kosten zu decken, ist Hertha aktuell auf der Suche nach einem weiteren Investor. Im Gespräch ist die chinesische Firma „Fosun“, aber auch ein US-amerikanischer Investor. Auch eine Fananleihe wird diskutiert.

Man sieht deutlich: Der Einstieg eines Investors verbessert die Situation oftmals nur kurzfristig. Hertha konnte das negative Eigenkapital ausgleichen, aber der Verein schreibt weiterhin Verluste. Ähnliches ist beim Club zu befürchten.

Wer ist KKR? - KKR ist ein Investor wie er im Buche steht: Beteiligungen im Wert von 100 Milliarden Dollar an 94 Gesellschaften mit einem Jahresumsatz von über 700 Millionen Dollar Umsatz. Seit 2004.

 

 

Nun ist also das eingetreten, was viele Fans des TSV 1860 München bereits lange kommen sahen: Sechzig ist abgestiegen – und Investor Hasan Ismaik verweigert weitere Zahlungen. Die Löwen wandern in den Amateurbereich. Eine vorhersehbare Entwicklung.

Die Probleme der Löwen begannen bereits weit vor Ismaik. Sie sind struktureller Natur. Die offensichtlichste Krankheit: die Allianz-Arena. Seit Jahren spielen die Löwen in einem überdimensionierten Stadion. Unausgelastet. Weitestgehend leer. Der Zuschauerschnitt sank auf bis zu 19.000 Besucher in der Saison 2013/14. In den Jahren 2005 bis 2008 lag er noch bei über 35.000.

Investor Ismaik ist nicht die Ursache der Probleme der Löwen. Aber: Er war zu keinem Zeitpunkt das Allheilmittel und die vermeintliche Lösung aller Sorgen, zu der er von Teilen des Löwenumfelds – zumindest anfangs – stilisiert wurde.

Von Jahr zu Jahr pulverte Ismaik immer mehr Geld in die Fußballabteilung des TSV. Er umging die 50+1-Regelung, indem er unter anderem 90 Prozent der Anteile bei der Vermarktungsfirma der Löwen besitzt. Der Aufsichtsrat: in seiner Hand. Unliebsame Journalisten: ausgesperrt. Der DFB sah dabei zu. Wichtig ist dem Verband einzig, dass ein Club die finanziellen Statuten erfüllt. Wie ihm das gelingt: offensichtlich unwesentlich.

Die gute Nachricht: die Löwen haben nun die Chance auf einen Neuanfang in der Bayernliga. Die schlechte: laut Pressemitteilung möchte Ismaik dem TSV noch immer nicht den Rücken kehren.

Die Schuld für den Trümmer-TSV aber nur bei Investor und Verband zu suchen, wäre falsch. Denn während sich viele Löwenanhänger deutlich gegen ein Investment im Stile Ismaiks positionierten, sahen andere dabei zu. Sie hoffierten den Unternehmer und verwiesen auf die finanzielle Situation der Löwen. „Wir brauchen das Geld“ – ein gern bemühter Satz, der jedoch außer Acht lässt, dass sich mit Geld allein eben kein Aufstieg kaufen lässt.

Nun kündigte Ismaik auch noch an, vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die 50+1-Regelung klagen zu wollen. Formal gehören ihm 60 Prozent der Aktien der KGaA. Mit einem Abstieg der Löwen in den Amateurbereich hatte er sich erhofft weisungsbefugt zu sein; ganz im Stile RB Leipzigs, bei denen Red Bull den Umweg über die unteren Spielklassen in Kauf nahm, um 50+1 zu umgehen. Der Bayerische Fußballverband allerdings hat den Plänen Ismaiks vorerst einen Riegel vorgeschoben. Es ist schwer zu prognostizieren, wie der Europäischen Gerichtshof im Fall Ismaik entscheiden könnte. Sollte Ismaik aber gewinnen, wären Investoren zukünftig Tür und Tor geöffnet.

Parallel dazu haben am Donnerstagabend die Mitglieder des VfB Stuttgart die Ausgliederung in eine AG beschlossen. Zuvor hatte Daimler mit einem hohen Millionenbetrag geködert – und gleichzeitig griff die Clubführung in Cannstatt zu fragwürdigen Mitteln, um ihr Ziel zu erreichen. Mit Erfolg: 84,2 Prozent von 9.099 Mitgliedern stimmten für die Umstrukturierung in eine Aktiengesellschaft.

Was jedoch zu denken geben sollte: rund 3.700 der anwesenden 12.788 stimmberechtigten Mitglieder haben nicht an der Abstimmung teilgenommen. Und: 1.455 Gegenstimmen hätten bei bisherigen Mitgliederversammlungen über 50 Prozent der Stimmen entsprochen; wie im Oktober 2016 als beim VfB statt 9.000 noch 2.600 Mitglieder abgestimmt haben.

Wir hoffen, dass den Schwaben langfristig nicht ein ähnliches Schicksal blüht wie dem TSV 1860 München. Die Voraussetzung sind in Bad Cannstatt natürlich andere als in Giesing. Aber: Bis Donnerstagabend wäre ein Sechzig-Szenario in Stuttgart nicht denkbar gewesen. Nun ist der Worst Case zumindest möglich, was Warnung genug sein sollte – auch wenn VfB Präsident Dietrich aktuell verspricht, dass maximal 24,9 Prozent der Anteile veräußert werden sollen.

In Anbetracht dessen begrüßen wir es, dass der 1.FC Nürnberg nach Informationen der Bild-Zeitung die geplante Abstimmung über die Ausgliederung unter Umständen doch nicht in der Sommerpause abhalten möchte. Der Fall 1860 sollte ein mahnendes Beispiel sein.

Anfang der Woche sorgte eine Nachricht aus England für Medieninteresse: Der AFC Wimbledon überholte in der Tabelle der dritten englischen Liga erstmals die Milton Keynes Dons. AFC Wimbledon ist ein Verein, den britische Fans aus Protest gegründet hatten. Ihren Heimatverein, den FC Wimbledon, siedelten die Clubeigentümer 2001 im Zuge eines Investoren-Einstiegs ins 100 Kilometer entfernte Keynes Dons um.

Der damals neugegründete Fanverein AFC Wimbledon startete 2002 in der neunten Liga. Vergangene Saison gelang schließlich der Aufstieg in die dritte Liga – während Milton Keynes aus der zweiten abstieg. Am Wochenende kletterte AFC durch einen 3:1-Sieg gegen Oxford United auf Rang 10 der Tabelle. Der Vorgängerverein rangiert derweil nur auf Platz 12.

Die Geschichte des AFC ist so schön, dass sie nun sogar Erfolgsautor und Filmproduzent John Green auf die Leinwand bringen möchte.

Natürlich ist ein solches Szenario – Investoren-Einstieg inklusive Umsiedlung in eine erst 1960 entstandene Reißbrett-Stadt – weit weg vom 1.FC Nürnberg. Genauso wie die Statuten in England andere sind als in Deutschland. Dennoch zeigt ein solches Beispiel, dass das Geld und die Einflussnahme Dritter Gefahren birgt. Das größte Kapital eines Fußballclubs bleibt die eigene Vereinsidentität.