Die Saison 2017/18 neigt sich dem Ende zu. Stand heute (12.04.2018) steht der VfB Stuttgart im Tabellenmittelfeld. Im zweiten Teil unseres Interviews berichtet das Commando Cannstatt darüber, wie sich das Vereinsleben beim VfB seit der Ausgliederung verändert hat. Und welche Kuriositäten die finale Abstimmung mit sich brachte. – Den ersten Teil des Interviews könnt ihr hier nachlesen.

Was habt denn ihr als Mitglieder noch für Rechte in der AG?

In der AG gar keine mehr. Das ist komplett gekappt. Es wird ja immer so dargestellt als hätte man über diese Präsidentenrolle noch die Möglichkeit zur Teilhabe. Nur ist es so: Der Präsident ist in Personalunion Präsident des Vereins und damit Aufsichtsratsvorsitzender der AG. Theoretisch hängt das deshalb von seiner Person ab. Er könnte beide Funktionen auch komplett trennen. Wenn er auf der Vereinsmitgliederversammlung kritisiert wird, dann kann er kontern: „Ihr könnt mich dafür kritisieren, wie ich die Jubilare geehrt habe oder dass ich die Faustballer zu wenig besucht habe – aber mit der AG habt ihr gar nichts zu tun!“ Das steht und fällt damit, wie der Präsident sein Amt ausführt. Aber formal haben die Mitglieder gar keinen Einfluss mehr auf die AG.

Seid ihr selbst noch Mitglieder beim VfB?

Die meisten von uns sind es. Wir haben es auch intern besprochen. Wir haben gesagt: Wir bleiben erstmal Mitglied. Bei uns hängen noch andere Sachen wie das Ticketing mit der Mitgliedschaft zusammen. Wenn man kein Vereinsmitglied ist, kann man bei bestimmten Spielen Kartenprobleme kriegen. Es hat mehr praktische Gründe, keine ideellen Gründe. Im Hinblick auf die 50+1-Debatte kann das Wahlrecht aber auch sehr schnell wieder extrem wichtig werden.

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Die Mitbestimmung, die ihr früher hattet, ist somit weitestgehend dahin?

Es hängt eben daran, wie der Präsident seine Aufgabe ausführt. Theoretisch gibt es über den Präsidenten die Möglichkeit zur Mitbestimmung in der AG. Er muss formal die Interessen des e.V. in der AG vertreten. Nur der e.V. hat ja keinen Profifußball mehr. Also welche Interessen hat der e.V. überhaupt noch?

Es kam dann Anfang Juni 2017 zur Abstimmung. Was war denn an diesem Tag für eine Klientel bei der Mitgliederversammlung?

Normalerweise kamen zur VfB-Mitgliederversammlung 2.000 bis 3.000 Leute. Es war ja auch nie sonderlich attraktiv. Man hing da den ganzen Tag umher und bekam nur überteuertes Catering vorgesetzt. Bei der entscheidenden Mitgliederversammlung war das dann alles anders. Diese fand im Stadion statt, man hat Verzehrgutscheine bekommen. Jeder Anwesende hat ein Trikot geschenkt bekommen. Es gab Shuttlebusse für die Anfahrt und Parkmöglichkeiten ohne Ende. In den Jahren davor war es dem VfB egal, wie viele Leute gekommen sind. Man war eigentlich eher froh, über jeden, der nicht gekommen ist. Dieses Mal hat man jedoch alles versucht, um die Leute anzukarren. Es gab im Vorfeld Videobotschaften von Spielern, die sich pro AG ausgesprochen haben. Die Sache mit den Testimonials ging so weit, dass Timo Hildebrand Statements abgegeben hat. Sinngemäß: „Ihr müsst ausgliedern – oder wollt ihr ewig 2. Liga spielen?“ Wie sich dann jedoch herausgestellt hat, war Hildebrand zu diesem Zeitpunkt nicht mal Mitglied im Verein. Der Albernheit war keine Grenze gesetzt. Auf dem Weg zur Versammlung sind einem die ersten Mitglieder mit ihrem Gratistrikot und ihrer Gratiswurst schon wieder entgegengekommen.

Es soll auch die Mannschaft noch einmal gefeiert worden sein?

Die komplette Abstimmung wurde künstlich in die Länge gezogen. Da wurde erst nochmal der Trainer gefeiert, dann wurde die Mannschaft präsentiert. Der Stadionsprecher hat sie ausgerufen, wie bei einem Spiel. Es wurden über 1,5 Stunden verbummelt mit Belanglosigkeiten. Man merkte die Leute werden nervös. Das war vom Verein offensichtlich gewollt, damit die Aussprache kurz bleibt. Natürlich hat sich dann jemand gefunden, der in einem Mitgliederausschuss des Vereins saß. Derjenige hat dann gefordert, dass die Aussprache abgebrochen wird, schließlich sei alles gesagt, man müsse ja nur noch wählen. So kam es dann zur Wahl.

Das heißt ihr hattet eine Wahl ohne vorangegangene Diskussion?

Man konnte schon eine Rede halten. Aber es war einfach ekelhaft, was da abgelaufen ist. Die Leute haben Gegner der Ausgliederung nicht ausreden lassen, ausgepfiffen, ausgebuht, beleidigt. Es gab ja auch außer uns noch Leute, die von der Ausgliederung nicht begeistert waren. Wenn die ihre Kritik vorgetragen haben, wurden die von den Anwesenden teilweise echt runtergemacht. Der gegenseitige Umgang war zum Teil das Allerletzte. Das hat auch bei uns einige Leute hart getroffen, wie da VfB-Fans miteinander umgegangen sind. Das war extrem befremdlich. Es sind Leute aus der Angst heraus einfach nur ekelhaft geworden. Da saßen Rentner vor einem und haben bei Redebeiträgen gegen die Ausgliederung auf „die Arschlöcher da vorne“ geschimpft. Das war schlichtweg befremdlich.

In Nürnberg sprechen wir häufig von der Glubbfamilie, die zum Glück noch sehr intakt und weitestgehend solidarisch miteinander ist. Habt ihr das Gefühl die Ausgliederung hat eure VfB-Familie gespalten?

Das ist schwierig final zu bewerten. Klar, diejenigen, die krass dagegen waren, werden es denjenigen, die krass dafür waren noch eine Weile vorhalten. Das Erschreckende war für uns aber eher zu sehen, wie einfach die Leute mitzureißen waren. Von einigen hätten wir das nicht erwartet. „Scheiß doch auf die Ideale! Wollt ihr wieder absteigen? Wollt ihr im Niemandsland enden? Wollt ihr eine Fahrstuhlmannschaft werden?“ Es war eine komplett emotionsgeladene, aber vor allem angstgetriebene Debatte. Nichts anderes. Da ging es nicht um Werte oder Inhalte. Das Geld war größer als die Ideale – und das leider bei sehr vielen Leuten.

Habt ihr das Gefühl, dass im Zuge der Ausgliederung auch irgendetwas besser geworden ist?

Nicht unbedingt. Der VfB ist konzeptlos wie eh und je. Eine sportliche Idee fehlt. Wir haben es geschafft ein paar Wochen nach der Ausgliederung unseren Sportdirektor Jan Schindelmeiser auszutauschen. Der war davor für viele noch ein Argument für die Ausgliederung. Wir haben uns vorab den Mund fusselig geredet, dass man nicht wegen Personen ausgliedern soll. Genau das ist jedoch geschehen. Und genau eine der Hauptpersonen, wegen der Leute dafür waren, muss dann gleich gehen. Jetzt müssen wir für immer mit der Entscheidung leben. Nur dass Schindelmeiser, dem die Leute reihenweise vertraut haben, eben nicht mehr da ist. Besser ist durch die Ausgliederung definitiv nichts geworden. Wir hatten in der Sommerpause Geld für ein paar neue Spieler – von denen spielen jetzt einige gar nicht, vielleicht weil sie eher die Handschrift des alten Sportdirektors waren. Der neue Sportdirektor Reschke hat dann mit einer komplett anderen Strategie Spieler transferiert, von denen uns aktuell auch einige extrem weiterhelfen. Es ist halt irgendwie typisch VfB, man erhält eine einmalige Finanzspritze und wechselt während des Geldausgebens die Investitionsstrategie.

Wie hat sich das alles auf euch als Fanszene ausgewirkt?

Als Fanszene sind wir emotional inzwischen deutlich weiter von unserem Verein weg als zuvor. Die Bindung, die wir davor hatten, ist nicht mehr dieselbe. Da erodiert leider vieles. Zuvor waren wir ein Teil des VfB, konnten dort Debatten anstoßen und Mitverantwortung übernehmen. Zum Beispiel als wir uns damals für das alte VfB-Wappen stark gemacht haben. Das hat uns über Jahre begleitet und geprägt. Das ist jetzt alles weg. Wir wissen de facto nicht mehr, was beim VfB passiert. Die Kommunikation wird immer faktenärmer. Die Identifikation ist komplett verloren gegangen, die man bekommt, wenn man einen Prozess mitgestaltet und Entscheidungen beeinflussen kann. Dieses Vereinsleben ist für uns komplett vorbei. Jetzt gehen wir eben ins Stadion um Fußball zu schauen. Nicht mehr, weil wir sagen können, „Wir alle sind der VfB“. Wenn wir das heute noch sagen, hat das eher einen kämpferischen Anspruch. Die Realität spiegelt es leider nur bedingt wider.

Aktuell seid ihr sehr aktiv, was das Thema 50+1 angeht. Hat das jetzt im Zuge der Ausgliederung noch einmal an Bedeutung für euch gewonnen?

Davor war das für uns zumindest nie ein Thema. Da waren wir nicht ausgegliedert, da konnte uns 50+1 herzlich egal sein. Wir haben uns jetzt wahnsinnig schwer damit getan, dass 11,75 Prozent vom VfB weg sind. Sollte es jetzt bald der Fall sein, dass nicht mal mehr 50+1 der Anteile dem VfB gehören, dann wird es schon existenziell. Wir glauben da können viele nicht mehr mit leben.

Wie wäre denn das Prozedere falls 50+1 fällt? Aktuell dürfen nur 24,9 Prozent des VfB verkauft werden.

Für einen weiteren Anteilsverkauf braucht es das Votum aus der Mitgliederversammlung des e.V.. Aber da macht sich keiner Illusionen. Die Büchse ist jetzt offen. Wenn sie es wollen, wird es im Zweifelsfall wieder so laufen. Diese Argumentation hat ja schon einmal funktioniert: „Wir werden abgehängt. Wollt ihr, dass der VfB sonst kaputt geht? Der VfB gehört doch nach Europa!“ – Für uns ist klar: Wenn die AG-Chefs das wollen, dann werden sie auch das noch kriegen. Die große Frage ist, ob die Mitglieder bereit wären auch die Schmerzgrenze in Form von 50+1 zu überschreiten. Hier sind wir etwas positiver gestimmt, da wir viele Fanclubs dafür gewinnen konnten die Petition von 50plus1bleibt.de zu unterzeichnen. Bei dem Thema gab es im Gegensatz zur Ausgliederung auch keine Meinungsverschiedenheiten.

Vielen Dank für das ehrliche und aufschlussreiche Gespräch.

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Dem VfB Stuttgart ist in der Saison 2016/17 geglückt, worauf beim 1.FC Nürnberg derzeit alle hoffen: der Aufstieg in die Bundesliga. Doch die Euphorie darüber ist in Schwaben schnell verflogen. Wenige Tage später entschied sich die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart e.V. auszugliedern. Anteile der neuen Aktiengesellschaft wanderten an den Daimler-Konzern.

Bei vielen Anhängern des VfB sorgte diese Entscheidung für Bauchschmerzen. Dennoch fiel das Votum erstaunlich deutlich aus: 7.664 von 9.099 stimmberechtigten Mitglieder waren für einen Anteilsverkauf. Wir haben das Commando Cannstatt befragt, wie es dazu kommen konnte.

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Bei euch liegt die Ausgliederung nun schon etwas zurück. Im Juni 2017 war es soweit. Wie bewertet ihr die Ausgliederung heute, rund zehn Monate danach?

Ob die Maßnahme Ausgliederung nun wahnsinnig gefruchtet hat und wie produktiv das Geld war, das ist schwierig zu beurteilen. Wir sehen es so, dass mit dem Wahlkampf zur Ausgliederung das letzte Stückchen Vereinskultur bei uns den Bach runter ging. An dem Punkt, an dem Vorstand und Aufsichtsrat ihre ganze Power und Kommunikation dafür eingesetzt haben, ihre Ausgliederung genau so zu kriegen, wie sie es wollen, da war jegliche Diskussionskultur passé. Das setzt sich jetzt fort. Wir haben nach der Ausgliederung mit Wolfgang Dietrich einen Präsidenten, der sich mehr denn je als der starke Mann beim VfB inszeniert. Er hat zum Beispiel eine eigene Facebook-Seite – wir wüssten nicht, wo es das sonst gibt. Es geht beim VfB inzwischen nur noch um Personen. Es geht nicht mehr darum, was die Personen leisten. Was zählt ist jetzt: Kann man dem vertrauen oder kann man dem nicht vertrauen? Es geht jetzt nach dem Prinzip „teile und herrsche“. Auf diesem Weg wird der ganze Laden stillgehalten und gegeneinander ausgespielt. Das ist aktuell eine ziemlich miese Masche.

Was ist bei euch konkret alles ausgegliedert worden – war das nur die Profiabteilung?

Die Profimannschaft, die Amateure, also die zweite Mannschaft oder U21, wie es jetzt nach dem neuen Konzept heißt. Dazu kommen die Jugendmannschaft bis zur B-Jugend.

Würdet ihr sagen euer Präsident hat den Verein verkauft?

Verkauft haben ihn auch die Mitglieder. Die haben zugestimmt. Das darf man nicht vergessen. Gewollt war die Ausgliederung von der Führungsebene. Die haben es geschafft sich durch verschiedene Schreckensszenarien ihr Ja zu holen. Zum Beispiel indem sie ständig darauf verwiesen haben, dass andere Vereine viel mehr Geld hätten und uns abhängen könnten. Verkauft haben es jedoch alle, die für Ja gestimmt haben – nicht nur die Vereinsführung.

Ihr wart einer der letzten Vereine in der Bundesliga, die noch die Rechtsform des e.V. hatten. Nach außen hin wart ihr solide geführt. Wann kam das Thema Ausgliederung denn bei euch ins Rollen?

Also es gab beim VfB schon lange solche Konstruktionen, dass bestimmte Bereiche eigene GmbHs waren. Zum Beispiel das Ticketing oder eine Marketing-GmbH. Das war bereits davor nicht mehr im Verein drin, sondern ist als GmbH geführt worden. Dann gab es Anfang der 2000er-Jahre beim VfB die sogenannte Beteiligungs-GmbH. Die wurde damals aus dem Boden gestampft um Fernando Meira zu bezahlen. Der kam 2002 zum VfB. Da war das Prinzip, dass man Anteile an der Marketing-GmbH kaufen konnte. Dafür wurde man aus den Profiten daraus beteiligt. Ein Stück weit hatten wir über die Beteiligungs-GmbH also schon davor Investoren beim VfB. Kein Mensch weiß, wer das ist; die Beteiligungs-GmbH gibt es auch heute noch. Wirklich auf den Tisch kam das Thema Ausgliederung jedoch erst durch unseren Aufsichtsrat. Dem wurde es irgendwann zu bunt.

Was hat eurem Aufsichtsrat denn nicht gepasst?

Dazu muss man vorausschicken, dass unser Aufsichtsrat schon immer sehr stark von Sponsoren dominiert war. Daimler spielte hier natürlich auch eine wichtige Rolle. Letztlich wurden die Aufsichtsratsmitglieder über Jahre nicht entlastet. Der Aufsichtsratsvorsitzende musste gehen. Die Mitgliederversammlungen sind stark gegen den Aufsichtsrat gelaufen. Das war aus unserer Sicht wohl die Haupttriebfeder, die Ausgliederung zu forcieren. Zunächst wurde die jedoch mehrfach zurückgestellt – denn sportlich befanden wir uns im absoluten Überlebenskampf. Nach dem Abstieg wollte die Führungsebene das Ja dazu nicht gefährden. Und dann hat man sich mit dem jetzigen Präsidenten auch einfach einen Experten geholt, um solche umstrittenen Großprojekte durchzuboxen. Das hat der dann auch in seiner unnachahmlichen Art gemacht.

Die Initialzündung, dass es überhaupt soweit gekommen ist, kam also letztlich vom Aufsichtsrat, der sich offensichtlich gegängelt fühlte?

Das ist zumindest unsere Auffassung innerhalb der Gruppe. Der Aufsichtsrat ist stark von Daimler geprägt. Die Geschäftsstelle des VfB ist gegenüber von Daimler. Die wollten sich das Theater nicht mehr weiter angucken, sondern dauerhaft einen Fuß in der Tür haben. Sie wollten nicht mehr um ihre Vertreter bangen müssen, sondern ihre Vertreter fix im Aufsichtsrat haben. Natürlich wollten sie dadurch auch ihren Claim abstecken – also damit da nicht etwa der nächste aus dem Automotive-Bereich kommt. Die wollten diese Bindung vom VfB an Daimler zementieren. Das haben sie mit der Ausgliederung gemacht. Dass Daimler damit finanzielle Interessen verfolgt, das behauptet eigentlich auch niemand. Dafür ist die Summe im Vergleich der Gesamtrelation zum Daimler-Konzern zu klein. Aber es ist schon so: Mit der Ausgliederung hat sich Daimler seine zwei Sitze im Aufsichtsrat gekauft. Das ist Fakt.

Hier in Nürnberg ist man derzeit noch auf der Suche nach Investoren. Daimler stand in Stuttgart vermutlich gar nicht zur Diskussion?

Das ist einer unserer größten Kritikpunkte: Das war keine Marktsituation. Der VfB ist nicht aufgetreten und hat einen Investor gesucht, sondern es war vorab schon klar, dass Daimler das machen möchte. Sie mussten es ja nur nach außen hin verkaufen. Daimler dürfte es wohl egal gewesen sein zu welchem Preis. Hauptsache sie kommen am Ende zusammen und kriegen das Ja dafür. Das heißt, es war kein gewöhnlicher Verkauf, sondern es galt: Wenn die Ausgliederung kommt, dann steht Daimler parat. Im Prinzip hat man in Stuttgart nur für Daimler ausgegliedert – zumindest vorerst.

Wären die Leute bei einem anderen Investor ähnlich bereit gewesen, mit Ja zu stimmen?

Dass Daimler aus Stuttgart ist, hat in der Außendarstellung natürlich wahnsinnig gezogen. Es war nicht einfach nur ein Investor. Daimler wurde als Ankerinvestor verkauft. Ein Anker ist ja auch gut und wichtig, aber – um in dem Bild zu bleiben – vielleicht haben wir uns auch nur an die Kette legen lassen. Wir können jetzt schließlich nicht mehr davonsegeln und woanders andocken. Hier in Stuttgart arbeiten viele Leute bei Daimler, jeder kennt irgendjemanden, der bei Daimler arbeitet. Das Unternehmen hat ein wahnsinniges Image in der Region. Das wurde von Vereinsseite krass gespielt: „Regionale Partner sind unsere Stärke.“ Für die zweite Tranche ist man mittlerweile komplett weg davon. Entweder gibt es einen internationalen Partner oder einen Fond oder nochmal eine komplett andere Lösung. Das wird man in Zukunft sehen. Bei der Abstimmung war es jedoch so: 24,9 Prozent dürfen verkauft werden und 11,75 Prozent, also knapp die Hälfte davon, hat Daimler gekauft. Das heißt, sie können im Moment noch eine zweite Tranche einfach so herausgeben, wenn sie einen Investor finden. Das war dann zum Beispiel auch so ein Punkt: Der VfB ist recht hoch bewertet worden. Das kam für viele unerwartet, dass man so einen guten Preis dafür bekommen konnte. Das kann aber natürlich auch die Absicht von Daimler gewesen sein. Denn für den nächsten Investor wird es nochmal teurer. Die Investoren stehen offensichtlich nicht Schlange.

Wie hat sich diese Bewertung ergeben – wurden da Wirtschaftsprüfer eingesetzt?

Ohne dass wir etwas unterstellen wollen: So wurde es nach außen hin dargestellt. Die Wirtschaftsprüfer sind nicht persönlich aufgetreten. Das hat alles in der Kommunikation des Präsidenten stattgefunden. Es soll verschiedene Bewertungen gegeben haben: eine von Daimler, eine vom VfB, aber auch unabhängige. Irgendwo hat man sich dann getroffen, hieß es. So wirklich transparent war das jedoch nicht.

Ihr seid letztes Jahr aufgestiegen und hattet gerade ein Jahr in der 2. Bundesliga hinter euch. Wäre es hinsichtlich der Bewertung nicht sinnvoller gewesen zu einem anderen Zeitpunkt auszugliedern? Die Bewertung nach einem Jahr 2. Liga war sicherlich schlechter, als sie es zu Zeiten der Erstklassigkeit gewesen wäre.

So kurzfristige Schwankungen spielen unseres Wissens in solchen Bewertungsverfahren eher eine untergeordnete Rolle. Da sind ja auch viele eingepreiste Erwartungen und immaterielle Werte enthalten. So eine kurzfristige Schwankung wie das eine Jahr 2. Bundesliga hat sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht so stark ausgewirkt. Zumal zu dem Zeitpunkt der Ausgliederung klar war, dass wir wieder aufsteigen. Bei solchen Bewertungsverfahren geht es ganz stark um Erwartungen und Zukunftsaussichten. Unser Präsident ist dabei sehr forsch aufgetreten. Er hat den Horizont aufgestellt: In fünf Jahren sind wir wieder fest im internationalen Geschäft. So ist es öffentlich auch verargumentiert worden.

Wie kam es denn genau zu der Rechtsform der AG? Die war immerhin eine Forderung von Daimler. Theoretisch hätte es aber auch andere Möglichkeiten gegeben, wie zum Beispiel eine GmbH & Co. KGaA.

Auch das hat uns gestört. Im Rahmen der Kampagne hat der VfB die Diskussion um die Rechtsform komplett übersprungen. Es wurde auch nicht differenziert: Macht man eine Ausgliederung – oder macht man einen Anteilsverkauf? Das war alles eins. Es hieß: Ausgliederung bringt Geld, bringt Erfolg, dazu muss man Ja sagen. So lautete die Argumentationskette in der VfB-Kommunikation. Was wir dann versucht haben in unserer Stellungnahme klar zu sagen: Ausgliederung heißt erstmal nicht Anteilverkauf. Im Moment gibt es 32 Ausgliederungen im Profifußball. Davon haben erst 16 überhaupt Anteile verkauft. Das ist auch noch kein Automatismus. Denn häufig kommt ja als Gegenargument: Man dürfte als Verein gar nicht solche Summen bewegen. Dabei gibt es auch noch einige Vereine, die zwar ausgegliedert haben, aber keine Anteile verkaufen.

Also das Gladbach-Beispiel. Man wandelt das Profigeschäft in eine GmbH um und sichert sich dadurch ab, sollte die Diskussion über wirtschaftliche Betätigung von Fußballvereinen erneut aufkommen.

Genau. Gladbach ist dafür ein bekanntes Beispiel. Köln sucht derzeit wohl auch nach Investoren, aber hat Stand heute auch noch niemanden. Bei uns jedoch war von Anfang an klar, dass man mit der Ausgliederung Anteile verkaufen möchte. Für den Anteilsverkauf hat man jedoch auch die Pro-Argumente einer Ausgliederung mitgenommen, also die ganzen Rechtsform-Themen. Gleichzeitig war es so, dass die Frage „Warum AG?“ nie zufriedenstellend beantwortet wurde. „Ja, der Daimler macht nur AG“, bekamen wir dann meistens als Antwort. Der Grund dafür ist einfach: Die AG ist die Ausgliederungsform, in der ein Investor am meisten mitreden kann. Bei einer GmbH & Co. KGaA kann man die Investoren im Vergleich kürzer halten – vorausgesetzt sie spielen das Spiel mit. So macht es zum Beispiel Dortmund. Die Musik spielt dort in dieser Geschäftsführungs-GmbH.

So wie es auch in Hannover der Fall ist.

Die haben damit im Moment die größten Probleme. Wenn man eine GmbH & Co. KGaA macht, dann muss man auch 100 Prozent innerhalb der Geschäftsführungs-GmbH behalten. Wenn man da anfängt etwas abzudrücken, bekommt man richtig Probleme, weil die Anteile auch nicht teuer sind. Das ist ja genau das Spielchen, das Martin Kind gerade treibt. Da geht es nicht um die eigentlichen Anteile am ausgegliederten Verein, sondern es geht nur um diese Geschäftsführungs-GmbH. Diese Schwachstellen haben wir in unserer Argumentation auch ganz bewusst aufgegriffen: „Warum hat man behauptet eine AG würde die Mitgliederrecht stärken?“ Denn das stimmt einfach nicht. Oder: „Warum hat man sich bei der Rechtsformwahl gleich auf die AG eingeschossen und andere Rechtsformen außer Acht gelassen?“ Wir haben das damals in unserer Stellungnahme sehr umfangreich herausgearbeitet.

Der Investor will natürlich nicht nur die Anteile, sondern meistens auch etwas als Pfand oder Gegenleistung, zum Beispiel einen Posten im Aufsichtsrat. Wie sieht es denn dahingehend beim VfB aus?

Bei uns war es im Aufsichtsrat bereits immer so, dass dort Vertreter der großen Sponsoren drinsaßen. Das waren am Schluss drei verschiedene. Jetzt im aktuellen Aufsichtsrat hat Daimler als Investor einen Platz sicher. Gleichzeitig ist Daimler Hauptsponsor und hat dadurch einen zusätzlichen Platz. Derzeit hat Daimler also zwei von neun Sitzen fix. Das ist auch der Punkt: Daimler hat sich mit den Anteilen permanenten Einfluss und Kontrolle gekauft. Der Platz für den Investor ist fix.

Gibt es hinsichtlich der zweiten Tranche schon näheres? Rund 13,15 Prozent am VfB dürfen schließlich noch verkauft werden.

Nein, da schweigen sie sich derzeit noch tot. Es wird allerdings sukzessive aufgeweicht. Am Anfang hieß es noch: „Regionale Partner sind unsere Stärke.“ Dann ist mal im Nebensatz eines Interviews gefallen, dass es vielleicht doch kein regionaler Partner wird. Vielleicht wird es auch ein Fond. Etwas wirklich Konkretes weiß man aber noch nicht. Wir vermuten, da werden sie sich Zeit lassen, bis sportlich entschieden ist, wohin es in dieser Saison geht. Das Okay hat der VfB durch die Mitgliederversammlung in der Tasche. Den zusätzlichen Investor müssten sie nur vorstellen. Letztlich können sie bei dem machen, was sie wollen.

Teil 2 des Interviews mit dem Commando Cannstatt folgt kommende Woche. Darin erzählen die Stuttgarter, wie sich das Klima beim VfB verändert hat und wie die alles entscheidende Abstimmung abgelaufen ist.

Kommentar

50+1 bleibt. Und das ist gut so. Einen entsprechenden Antrag des FC St. Pauli befürwortete die Mehrheit der DFL am vergangenen Donnerstag (22.03.2018). 18 Geschäftsführer stimmten dafür, neun enthielten sich. Lediglich vier Clubs waren dagegen: RB Leipzig, Heidenheim, Greuther Fürth – und natürlich Bayern München.

Das kam wenig überraschend. Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge hatte immerhin schon im Vorfeld seinen Widerstand angekündigt. Staunen darf man im Nachhinein trotzdem. Denn jüngst wollte sich Rummenigge seine Niederlage nicht eingestehen. Im Gegenteil: Im Kicker-Interview lamentiert er, ein "mäßig erfolgreicher Zweitligist" wie St. Pauli habe in Form seines Geschäftsführers Andreas Rettig ein "populistisches Spektakel" veranstaltet. Weiter sagt er: "Es befremdet mich, dass ein Zweitligist, der nach meinem Kenntnisstand noch nie in einem europäischen Wettbewerb mitgespielt hat, auf einmal nicht nur eine prominente, sondern auch dominierende Rolle einnimmt."

Nun gut. Vielleicht, möchte man meinen, sollte man Rummenigge einfach etwas Nachhilfe in der Sinnhaftigkeit demokratischer Prozesse geben. Diese gibt es zum Glück in der DFL noch. Aber warum nimmt er das Votum so persönlich?

Aus Sicht seines Heimatclubs wirkt es zunächst wenig nachvollziehbar. Wirtschaftlich steht Bayern München so solide da, wie kein anderer deutscher Proficlub. Ihnen geht es sogar bessern denn je. Für das Geschäftsjahr 2016/17 vermeldete der Konzern zuletzt einen Rekordumsatz von 640,5 Millionen Euro. Wohlgemerkt in einem Jahr, in dem die Bayern darüber klagten, es in der Champions League "nur" ins Viertelfinale geschafft zu haben. Auch der Gewinn stieg auf einen Höchststand von 39,2 Millionen Euro.

Warum also ein Ende von 50+1 fordern? Vermutlich weil Rummenigge nicht genug bekommen kann. Und weil er um den Anschluss im europäischen Geschäft fürchtet. Zuletzt machte etwa ein Club wie Paris St. Germain von sich reden. Der sicherte sich für 222 Millionen Euro Neymar. Zum Vergleich: Der teuerste Spieler in der Geschichte des FC Bayern Corentin Tolisso kostete 41,5 Millionen Euro. Bei der derzeitigen Expansionssucht vergleichbarer Top-Clubs können die Roten schwerlich mithalten. Und den Weg zu frischem Kapital sieht die Führung des FCB rund um Rummenigge und Hoeneß womöglich in einem erneuten Anteilsverkauf. Den hatte Hoeneß immerhin schon Anfang 2017 öffentlich gefordert.

Derzeit nämlich gibt es bei den Bayern drei Investoren: Adidas, Audi, Allianz. Zusammen halten sie knapp 25 Prozent der Anteile an der Bayern München AG. Jeder in gleicher Höhe, also zu jeweils 8,33 Prozent. Das geschah freilich nicht zufällig. Durch die dadurch vorhandene Sperrminorität wollten die Bayern eigentlich verhindern, dass fremde Unternehmen zu viel von ihrem Club abbekommen. Bislang zumindest.

Offensichtlich aber sind zusätzliche Investoren an der Säbener Straße keine Zukunftsmusik mehr. Das legen zumindest Rummenigges Äußerungen gegen 50+1 nahe. Zuletzt etwa hatte die Allianz 110 Millionen Euro gezahlt. Das war deutlich mehr als bei Adidas und Audi. Durch die Wertsteigerung der Bayern in den vergangenen vier Jahren dürfte ein erneuter Anteilsverkauf noch einmal lukrativer sein.

Aber bringt das die Bayern wirklich weiter? Und sichert das ihnen europäischen Erfolg? Wir bezweifeln es – zumindest mit Blick auf PSG, für die dieses Jahr bereits im Achtelfinale der Champions League Schluss war. Kalle Rummenigge hingegen sieht das anders. Er sagt: "Wir hätten heute weniger Bedenken, einen Transfer um die 100 Millionen zu machen, als es noch vor Jahren der Fall war." Na wenn das so ist: Viel Erfolg. Vielleicht spricht aus den Äußerungen aber auch nur die Frustration, es auf europäischem Parkett nicht ganz so einfach zu haben, wie in der seit Jahren langweiligen Bundesliga.

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