Nun ist also das eingetreten, was viele Fans des TSV 1860 München bereits lange kommen sahen: Sechzig ist abgestiegen – und Investor Hasan Ismaik verweigert weitere Zahlungen. Die Löwen wandern in den Amateurbereich. Eine vorhersehbare Entwicklung.

Die Probleme der Löwen begannen bereits weit vor Ismaik. Sie sind struktureller Natur. Die offensichtlichste Krankheit: die Allianz-Arena. Seit Jahren spielen die Löwen in einem überdimensionierten Stadion. Unausgelastet. Weitestgehend leer. Der Zuschauerschnitt sank auf bis zu 19.000 Besucher in der Saison 2013/14. In den Jahren 2005 bis 2008 lag er noch bei über 35.000.

Investor Ismaik ist nicht die Ursache der Probleme der Löwen. Aber: Er war zu keinem Zeitpunkt das Allheilmittel und die vermeintliche Lösung aller Sorgen, zu der er von Teilen des Löwenumfelds – zumindest anfangs – stilisiert wurde.

Von Jahr zu Jahr pulverte Ismaik immer mehr Geld in die Fußballabteilung des TSV. Er umging die 50+1-Regelung, indem er unter anderem 90 Prozent der Anteile bei der Vermarktungsfirma der Löwen besitzt. Der Aufsichtsrat: in seiner Hand. Unliebsame Journalisten: ausgesperrt. Der DFB sah dabei zu. Wichtig ist dem Verband einzig, dass ein Club die finanziellen Statuten erfüllt. Wie ihm das gelingt: offensichtlich unwesentlich.

Die gute Nachricht: die Löwen haben nun die Chance auf einen Neuanfang in der Bayernliga. Die schlechte: laut Pressemitteilung möchte Ismaik dem TSV noch immer nicht den Rücken kehren.

Die Schuld für den Trümmer-TSV aber nur bei Investor und Verband zu suchen, wäre falsch. Denn während sich viele Löwenanhänger deutlich gegen ein Investment im Stile Ismaiks positionierten, sahen andere dabei zu. Sie hoffierten den Unternehmer und verwiesen auf die finanzielle Situation der Löwen. „Wir brauchen das Geld“ – ein gern bemühter Satz, der jedoch außer Acht lässt, dass sich mit Geld allein eben kein Aufstieg kaufen lässt.

Nun kündigte Ismaik auch noch an, vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die 50+1-Regelung klagen zu wollen. Formal gehören ihm 60 Prozent der Aktien der KGaA. Mit einem Abstieg der Löwen in den Amateurbereich hatte er sich erhofft weisungsbefugt zu sein; ganz im Stile RB Leipzigs, bei denen Red Bull den Umweg über die unteren Spielklassen in Kauf nahm, um 50+1 zu umgehen. Der Bayerische Fußballverband allerdings hat den Plänen Ismaiks vorerst einen Riegel vorgeschoben. Es ist schwer zu prognostizieren, wie der Europäischen Gerichtshof im Fall Ismaik entscheiden könnte. Sollte Ismaik aber gewinnen, wären Investoren zukünftig Tür und Tor geöffnet.

Parallel dazu haben am Donnerstagabend die Mitglieder des VfB Stuttgart die Ausgliederung in eine AG beschlossen. Zuvor hatte Daimler mit einem hohen Millionenbetrag geködert – und gleichzeitig griff die Clubführung in Cannstatt zu fragwürdigen Mitteln, um ihr Ziel zu erreichen. Mit Erfolg: 84,2 Prozent von 9.099 Mitgliedern stimmten für die Umstrukturierung in eine Aktiengesellschaft.

Was jedoch zu denken geben sollte: rund 3.700 der anwesenden 12.788 stimmberechtigten Mitglieder haben nicht an der Abstimmung teilgenommen. Und: 1.455 Gegenstimmen hätten bei bisherigen Mitgliederversammlungen über 50 Prozent der Stimmen entsprochen; wie im Oktober 2016 als beim VfB statt 9.000 noch 2.600 Mitglieder abgestimmt haben.

Wir hoffen, dass den Schwaben langfristig nicht ein ähnliches Schicksal blüht wie dem TSV 1860 München. Die Voraussetzung sind in Bad Cannstatt natürlich andere als in Giesing. Aber: Bis Donnerstagabend wäre ein Sechzig-Szenario in Stuttgart nicht denkbar gewesen. Nun ist der Worst Case zumindest möglich, was Warnung genug sein sollte – auch wenn VfB Präsident Dietrich aktuell verspricht, dass maximal 24,9 Prozent der Anteile veräußert werden sollen.

In Anbetracht dessen begrüßen wir es, dass der 1.FC Nürnberg nach Informationen der Bild-Zeitung die geplante Abstimmung über die Ausgliederung unter Umständen doch nicht in der Sommerpause abhalten möchte. Der Fall 1860 sollte ein mahnendes Beispiel sein.