Dem VfB Stuttgart ist in der Saison 2016/17 geglückt, worauf beim 1.FC Nürnberg derzeit alle hoffen: der Aufstieg in die Bundesliga. Doch die Euphorie darüber ist in Schwaben schnell verflogen. Wenige Tage später entschied sich die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart e.V. auszugliedern. Anteile der neuen Aktiengesellschaft wanderten an den Daimler-Konzern.

Bei vielen Anhängern des VfB sorgte diese Entscheidung für Bauchschmerzen. Dennoch fiel das Votum erstaunlich deutlich aus: 7.664 von 9.099 stimmberechtigten Mitglieder waren für einen Anteilsverkauf. Wir haben das Commando Cannstatt befragt, wie es dazu kommen konnte.

Stuttgart eV statt ag
Bei euch liegt die Ausgliederung nun schon etwas zurück. Im Juni 2017 war es soweit. Wie bewertet ihr die Ausgliederung heute, rund zehn Monate danach?

Ob die Maßnahme Ausgliederung nun wahnsinnig gefruchtet hat und wie produktiv das Geld war, das ist schwierig zu beurteilen. Wir sehen es so, dass mit dem Wahlkampf zur Ausgliederung das letzte Stückchen Vereinskultur bei uns den Bach runter ging. An dem Punkt, an dem Vorstand und Aufsichtsrat ihre ganze Power und Kommunikation dafür eingesetzt haben, ihre Ausgliederung genau so zu kriegen, wie sie es wollen, da war jegliche Diskussionskultur passé. Das setzt sich jetzt fort. Wir haben nach der Ausgliederung mit Wolfgang Dietrich einen Präsidenten, der sich mehr denn je als der starke Mann beim VfB inszeniert. Er hat zum Beispiel eine eigene Facebook-Seite – wir wüssten nicht, wo es das sonst gibt. Es geht beim VfB inzwischen nur noch um Personen. Es geht nicht mehr darum, was die Personen leisten. Was zählt ist jetzt: Kann man dem vertrauen oder kann man dem nicht vertrauen? Es geht jetzt nach dem Prinzip „teile und herrsche“. Auf diesem Weg wird der ganze Laden stillgehalten und gegeneinander ausgespielt. Das ist aktuell eine ziemlich miese Masche.

Was ist bei euch konkret alles ausgegliedert worden – war das nur die Profiabteilung?

Die Profimannschaft, die Amateure, also die zweite Mannschaft oder U21, wie es jetzt nach dem neuen Konzept heißt. Dazu kommen die Jugendmannschaft bis zur B-Jugend.

Würdet ihr sagen euer Präsident hat den Verein verkauft?

Verkauft haben ihn auch die Mitglieder. Die haben zugestimmt. Das darf man nicht vergessen. Gewollt war die Ausgliederung von der Führungsebene. Die haben es geschafft sich durch verschiedene Schreckensszenarien ihr Ja zu holen. Zum Beispiel indem sie ständig darauf verwiesen haben, dass andere Vereine viel mehr Geld hätten und uns abhängen könnten. Verkauft haben es jedoch alle, die für Ja gestimmt haben – nicht nur die Vereinsführung.

Ihr wart einer der letzten Vereine in der Bundesliga, die noch die Rechtsform des e.V. hatten. Nach außen hin wart ihr solide geführt. Wann kam das Thema Ausgliederung denn bei euch ins Rollen?

Also es gab beim VfB schon lange solche Konstruktionen, dass bestimmte Bereiche eigene GmbHs waren. Zum Beispiel das Ticketing oder eine Marketing-GmbH. Das war bereits davor nicht mehr im Verein drin, sondern ist als GmbH geführt worden. Dann gab es Anfang der 2000er-Jahre beim VfB die sogenannte Beteiligungs-GmbH. Die wurde damals aus dem Boden gestampft um Fernando Meira zu bezahlen. Der kam 2002 zum VfB. Da war das Prinzip, dass man Anteile an der Marketing-GmbH kaufen konnte. Dafür wurde man aus den Profiten daraus beteiligt. Ein Stück weit hatten wir über die Beteiligungs-GmbH also schon davor Investoren beim VfB. Kein Mensch weiß, wer das ist; die Beteiligungs-GmbH gibt es auch heute noch. Wirklich auf den Tisch kam das Thema Ausgliederung jedoch erst durch unseren Aufsichtsrat. Dem wurde es irgendwann zu bunt.

Was hat eurem Aufsichtsrat denn nicht gepasst?

Dazu muss man vorausschicken, dass unser Aufsichtsrat schon immer sehr stark von Sponsoren dominiert war. Daimler spielte hier natürlich auch eine wichtige Rolle. Letztlich wurden die Aufsichtsratsmitglieder über Jahre nicht entlastet. Der Aufsichtsratsvorsitzende musste gehen. Die Mitgliederversammlungen sind stark gegen den Aufsichtsrat gelaufen. Das war aus unserer Sicht wohl die Haupttriebfeder, die Ausgliederung zu forcieren. Zunächst wurde die jedoch mehrfach zurückgestellt – denn sportlich befanden wir uns im absoluten Überlebenskampf. Nach dem Abstieg wollte die Führungsebene das Ja dazu nicht gefährden. Und dann hat man sich mit dem jetzigen Präsidenten auch einfach einen Experten geholt, um solche umstrittenen Großprojekte durchzuboxen. Das hat der dann auch in seiner unnachahmlichen Art gemacht.

Die Initialzündung, dass es überhaupt soweit gekommen ist, kam also letztlich vom Aufsichtsrat, der sich offensichtlich gegängelt fühlte?

Das ist zumindest unsere Auffassung innerhalb der Gruppe. Der Aufsichtsrat ist stark von Daimler geprägt. Die Geschäftsstelle des VfB ist gegenüber von Daimler. Die wollten sich das Theater nicht mehr weiter angucken, sondern dauerhaft einen Fuß in der Tür haben. Sie wollten nicht mehr um ihre Vertreter bangen müssen, sondern ihre Vertreter fix im Aufsichtsrat haben. Natürlich wollten sie dadurch auch ihren Claim abstecken – also damit da nicht etwa der nächste aus dem Automotive-Bereich kommt. Die wollten diese Bindung vom VfB an Daimler zementieren. Das haben sie mit der Ausgliederung gemacht. Dass Daimler damit finanzielle Interessen verfolgt, das behauptet eigentlich auch niemand. Dafür ist die Summe im Vergleich der Gesamtrelation zum Daimler-Konzern zu klein. Aber es ist schon so: Mit der Ausgliederung hat sich Daimler seine zwei Sitze im Aufsichtsrat gekauft. Das ist Fakt.

Hier in Nürnberg ist man derzeit noch auf der Suche nach Investoren. Daimler stand in Stuttgart vermutlich gar nicht zur Diskussion?

Das ist einer unserer größten Kritikpunkte: Das war keine Marktsituation. Der VfB ist nicht aufgetreten und hat einen Investor gesucht, sondern es war vorab schon klar, dass Daimler das machen möchte. Sie mussten es ja nur nach außen hin verkaufen. Daimler dürfte es wohl egal gewesen sein zu welchem Preis. Hauptsache sie kommen am Ende zusammen und kriegen das Ja dafür. Das heißt, es war kein gewöhnlicher Verkauf, sondern es galt: Wenn die Ausgliederung kommt, dann steht Daimler parat. Im Prinzip hat man in Stuttgart nur für Daimler ausgegliedert – zumindest vorerst.

Wären die Leute bei einem anderen Investor ähnlich bereit gewesen, mit Ja zu stimmen?

Dass Daimler aus Stuttgart ist, hat in der Außendarstellung natürlich wahnsinnig gezogen. Es war nicht einfach nur ein Investor. Daimler wurde als Ankerinvestor verkauft. Ein Anker ist ja auch gut und wichtig, aber – um in dem Bild zu bleiben – vielleicht haben wir uns auch nur an die Kette legen lassen. Wir können jetzt schließlich nicht mehr davonsegeln und woanders andocken. Hier in Stuttgart arbeiten viele Leute bei Daimler, jeder kennt irgendjemanden, der bei Daimler arbeitet. Das Unternehmen hat ein wahnsinniges Image in der Region. Das wurde von Vereinsseite krass gespielt: „Regionale Partner sind unsere Stärke.“ Für die zweite Tranche ist man mittlerweile komplett weg davon. Entweder gibt es einen internationalen Partner oder einen Fond oder nochmal eine komplett andere Lösung. Das wird man in Zukunft sehen. Bei der Abstimmung war es jedoch so: 24,9 Prozent dürfen verkauft werden und 11,75 Prozent, also knapp die Hälfte davon, hat Daimler gekauft. Das heißt, sie können im Moment noch eine zweite Tranche einfach so herausgeben, wenn sie einen Investor finden. Das war dann zum Beispiel auch so ein Punkt: Der VfB ist recht hoch bewertet worden. Das kam für viele unerwartet, dass man so einen guten Preis dafür bekommen konnte. Das kann aber natürlich auch die Absicht von Daimler gewesen sein. Denn für den nächsten Investor wird es nochmal teurer. Die Investoren stehen offensichtlich nicht Schlange.

Wie hat sich diese Bewertung ergeben – wurden da Wirtschaftsprüfer eingesetzt?

Ohne dass wir etwas unterstellen wollen: So wurde es nach außen hin dargestellt. Die Wirtschaftsprüfer sind nicht persönlich aufgetreten. Das hat alles in der Kommunikation des Präsidenten stattgefunden. Es soll verschiedene Bewertungen gegeben haben: eine von Daimler, eine vom VfB, aber auch unabhängige. Irgendwo hat man sich dann getroffen, hieß es. So wirklich transparent war das jedoch nicht.

Ihr seid letztes Jahr aufgestiegen und hattet gerade ein Jahr in der 2. Bundesliga hinter euch. Wäre es hinsichtlich der Bewertung nicht sinnvoller gewesen zu einem anderen Zeitpunkt auszugliedern? Die Bewertung nach einem Jahr 2. Liga war sicherlich schlechter, als sie es zu Zeiten der Erstklassigkeit gewesen wäre.

So kurzfristige Schwankungen spielen unseres Wissens in solchen Bewertungsverfahren eher eine untergeordnete Rolle. Da sind ja auch viele eingepreiste Erwartungen und immaterielle Werte enthalten. So eine kurzfristige Schwankung wie das eine Jahr 2. Bundesliga hat sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht so stark ausgewirkt. Zumal zu dem Zeitpunkt der Ausgliederung klar war, dass wir wieder aufsteigen. Bei solchen Bewertungsverfahren geht es ganz stark um Erwartungen und Zukunftsaussichten. Unser Präsident ist dabei sehr forsch aufgetreten. Er hat den Horizont aufgestellt: In fünf Jahren sind wir wieder fest im internationalen Geschäft. So ist es öffentlich auch verargumentiert worden.

Wie kam es denn genau zu der Rechtsform der AG? Die war immerhin eine Forderung von Daimler. Theoretisch hätte es aber auch andere Möglichkeiten gegeben, wie zum Beispiel eine GmbH & Co. KGaA.

Auch das hat uns gestört. Im Rahmen der Kampagne hat der VfB die Diskussion um die Rechtsform komplett übersprungen. Es wurde auch nicht differenziert: Macht man eine Ausgliederung – oder macht man einen Anteilsverkauf? Das war alles eins. Es hieß: Ausgliederung bringt Geld, bringt Erfolg, dazu muss man Ja sagen. So lautete die Argumentationskette in der VfB-Kommunikation. Was wir dann versucht haben in unserer Stellungnahme klar zu sagen: Ausgliederung heißt erstmal nicht Anteilverkauf. Im Moment gibt es 32 Ausgliederungen im Profifußball. Davon haben erst 16 überhaupt Anteile verkauft. Das ist auch noch kein Automatismus. Denn häufig kommt ja als Gegenargument: Man dürfte als Verein gar nicht solche Summen bewegen. Dabei gibt es auch noch einige Vereine, die zwar ausgegliedert haben, aber keine Anteile verkaufen.

Also das Gladbach-Beispiel. Man wandelt das Profigeschäft in eine GmbH um und sichert sich dadurch ab, sollte die Diskussion über wirtschaftliche Betätigung von Fußballvereinen erneut aufkommen.

Genau. Gladbach ist dafür ein bekanntes Beispiel. Köln sucht derzeit wohl auch nach Investoren, aber hat Stand heute auch noch niemanden. Bei uns jedoch war von Anfang an klar, dass man mit der Ausgliederung Anteile verkaufen möchte. Für den Anteilsverkauf hat man jedoch auch die Pro-Argumente einer Ausgliederung mitgenommen, also die ganzen Rechtsform-Themen. Gleichzeitig war es so, dass die Frage „Warum AG?“ nie zufriedenstellend beantwortet wurde. „Ja, der Daimler macht nur AG“, bekamen wir dann meistens als Antwort. Der Grund dafür ist einfach: Die AG ist die Ausgliederungsform, in der ein Investor am meisten mitreden kann. Bei einer GmbH & Co. KGaA kann man die Investoren im Vergleich kürzer halten – vorausgesetzt sie spielen das Spiel mit. So macht es zum Beispiel Dortmund. Die Musik spielt dort in dieser Geschäftsführungs-GmbH.

So wie es auch in Hannover der Fall ist.

Die haben damit im Moment die größten Probleme. Wenn man eine GmbH & Co. KGaA macht, dann muss man auch 100 Prozent innerhalb der Geschäftsführungs-GmbH behalten. Wenn man da anfängt etwas abzudrücken, bekommt man richtig Probleme, weil die Anteile auch nicht teuer sind. Das ist ja genau das Spielchen, das Martin Kind gerade treibt. Da geht es nicht um die eigentlichen Anteile am ausgegliederten Verein, sondern es geht nur um diese Geschäftsführungs-GmbH. Diese Schwachstellen haben wir in unserer Argumentation auch ganz bewusst aufgegriffen: „Warum hat man behauptet eine AG würde die Mitgliederrecht stärken?“ Denn das stimmt einfach nicht. Oder: „Warum hat man sich bei der Rechtsformwahl gleich auf die AG eingeschossen und andere Rechtsformen außer Acht gelassen?“ Wir haben das damals in unserer Stellungnahme sehr umfangreich herausgearbeitet.

Der Investor will natürlich nicht nur die Anteile, sondern meistens auch etwas als Pfand oder Gegenleistung, zum Beispiel einen Posten im Aufsichtsrat. Wie sieht es denn dahingehend beim VfB aus?

Bei uns war es im Aufsichtsrat bereits immer so, dass dort Vertreter der großen Sponsoren drinsaßen. Das waren am Schluss drei verschiedene. Jetzt im aktuellen Aufsichtsrat hat Daimler als Investor einen Platz sicher. Gleichzeitig ist Daimler Hauptsponsor und hat dadurch einen zusätzlichen Platz. Derzeit hat Daimler also zwei von neun Sitzen fix. Das ist auch der Punkt: Daimler hat sich mit den Anteilen permanenten Einfluss und Kontrolle gekauft. Der Platz für den Investor ist fix.

Gibt es hinsichtlich der zweiten Tranche schon näheres? Rund 13,15 Prozent am VfB dürfen schließlich noch verkauft werden.

Nein, da schweigen sie sich derzeit noch tot. Es wird allerdings sukzessive aufgeweicht. Am Anfang hieß es noch: „Regionale Partner sind unsere Stärke.“ Dann ist mal im Nebensatz eines Interviews gefallen, dass es vielleicht doch kein regionaler Partner wird. Vielleicht wird es auch ein Fond. Etwas wirklich Konkretes weiß man aber noch nicht. Wir vermuten, da werden sie sich Zeit lassen, bis sportlich entschieden ist, wohin es in dieser Saison geht. Das Okay hat der VfB durch die Mitgliederversammlung in der Tasche. Den zusätzlichen Investor müssten sie nur vorstellen. Letztlich können sie bei dem machen, was sie wollen.

Teil 2 des Interviews mit dem Commando Cannstatt folgt kommende Woche. Darin erzählen die Stuttgarter, wie sich das Klima beim VfB verändert hat und wie die alles entscheidende Abstimmung abgelaufen ist.