Die Saison 2017/18 neigt sich dem Ende zu. Stand heute (12.04.2018) steht der VfB Stuttgart im Tabellenmittelfeld. Im zweiten Teil unseres Interviews berichtet das Commando Cannstatt darüber, wie sich das Vereinsleben beim VfB seit der Ausgliederung verändert hat. Und welche Kuriositäten die finale Abstimmung mit sich brachte. – Den ersten Teil des Interviews könnt ihr hier nachlesen.

Was habt denn ihr als Mitglieder noch für Rechte in der AG?

In der AG gar keine mehr. Das ist komplett gekappt. Es wird ja immer so dargestellt als hätte man über diese Präsidentenrolle noch die Möglichkeit zur Teilhabe. Nur ist es so: Der Präsident ist in Personalunion Präsident des Vereins und damit Aufsichtsratsvorsitzender der AG. Theoretisch hängt das deshalb von seiner Person ab. Er könnte beide Funktionen auch komplett trennen. Wenn er auf der Vereinsmitgliederversammlung kritisiert wird, dann kann er kontern: „Ihr könnt mich dafür kritisieren, wie ich die Jubilare geehrt habe oder dass ich die Faustballer zu wenig besucht habe – aber mit der AG habt ihr gar nichts zu tun!“ Das steht und fällt damit, wie der Präsident sein Amt ausführt. Aber formal haben die Mitglieder gar keinen Einfluss mehr auf die AG.

Seid ihr selbst noch Mitglieder beim VfB?

Die meisten von uns sind es. Wir haben es auch intern besprochen. Wir haben gesagt: Wir bleiben erstmal Mitglied. Bei uns hängen noch andere Sachen wie das Ticketing mit der Mitgliedschaft zusammen. Wenn man kein Vereinsmitglied ist, kann man bei bestimmten Spielen Kartenprobleme kriegen. Es hat mehr praktische Gründe, keine ideellen Gründe. Im Hinblick auf die 50+1-Debatte kann das Wahlrecht aber auch sehr schnell wieder extrem wichtig werden.

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Die Mitbestimmung, die ihr früher hattet, ist somit weitestgehend dahin?

Es hängt eben daran, wie der Präsident seine Aufgabe ausführt. Theoretisch gibt es über den Präsidenten die Möglichkeit zur Mitbestimmung in der AG. Er muss formal die Interessen des e.V. in der AG vertreten. Nur der e.V. hat ja keinen Profifußball mehr. Also welche Interessen hat der e.V. überhaupt noch?

Es kam dann Anfang Juni 2017 zur Abstimmung. Was war denn an diesem Tag für eine Klientel bei der Mitgliederversammlung?

Normalerweise kamen zur VfB-Mitgliederversammlung 2.000 bis 3.000 Leute. Es war ja auch nie sonderlich attraktiv. Man hing da den ganzen Tag umher und bekam nur überteuertes Catering vorgesetzt. Bei der entscheidenden Mitgliederversammlung war das dann alles anders. Diese fand im Stadion statt, man hat Verzehrgutscheine bekommen. Jeder Anwesende hat ein Trikot geschenkt bekommen. Es gab Shuttlebusse für die Anfahrt und Parkmöglichkeiten ohne Ende. In den Jahren davor war es dem VfB egal, wie viele Leute gekommen sind. Man war eigentlich eher froh, über jeden, der nicht gekommen ist. Dieses Mal hat man jedoch alles versucht, um die Leute anzukarren. Es gab im Vorfeld Videobotschaften von Spielern, die sich pro AG ausgesprochen haben. Die Sache mit den Testimonials ging so weit, dass Timo Hildebrand Statements abgegeben hat. Sinngemäß: „Ihr müsst ausgliedern – oder wollt ihr ewig 2. Liga spielen?“ Wie sich dann jedoch herausgestellt hat, war Hildebrand zu diesem Zeitpunkt nicht mal Mitglied im Verein. Der Albernheit war keine Grenze gesetzt. Auf dem Weg zur Versammlung sind einem die ersten Mitglieder mit ihrem Gratistrikot und ihrer Gratiswurst schon wieder entgegengekommen.

Es soll auch die Mannschaft noch einmal gefeiert worden sein?

Die komplette Abstimmung wurde künstlich in die Länge gezogen. Da wurde erst nochmal der Trainer gefeiert, dann wurde die Mannschaft präsentiert. Der Stadionsprecher hat sie ausgerufen, wie bei einem Spiel. Es wurden über 1,5 Stunden verbummelt mit Belanglosigkeiten. Man merkte die Leute werden nervös. Das war vom Verein offensichtlich gewollt, damit die Aussprache kurz bleibt. Natürlich hat sich dann jemand gefunden, der in einem Mitgliederausschuss des Vereins saß. Derjenige hat dann gefordert, dass die Aussprache abgebrochen wird, schließlich sei alles gesagt, man müsse ja nur noch wählen. So kam es dann zur Wahl.

Das heißt ihr hattet eine Wahl ohne vorangegangene Diskussion?

Man konnte schon eine Rede halten. Aber es war einfach ekelhaft, was da abgelaufen ist. Die Leute haben Gegner der Ausgliederung nicht ausreden lassen, ausgepfiffen, ausgebuht, beleidigt. Es gab ja auch außer uns noch Leute, die von der Ausgliederung nicht begeistert waren. Wenn die ihre Kritik vorgetragen haben, wurden die von den Anwesenden teilweise echt runtergemacht. Der gegenseitige Umgang war zum Teil das Allerletzte. Das hat auch bei uns einige Leute hart getroffen, wie da VfB-Fans miteinander umgegangen sind. Das war extrem befremdlich. Es sind Leute aus der Angst heraus einfach nur ekelhaft geworden. Da saßen Rentner vor einem und haben bei Redebeiträgen gegen die Ausgliederung auf „die Arschlöcher da vorne“ geschimpft. Das war schlichtweg befremdlich.

In Nürnberg sprechen wir häufig von der Glubbfamilie, die zum Glück noch sehr intakt und weitestgehend solidarisch miteinander ist. Habt ihr das Gefühl die Ausgliederung hat eure VfB-Familie gespalten?

Das ist schwierig final zu bewerten. Klar, diejenigen, die krass dagegen waren, werden es denjenigen, die krass dafür waren noch eine Weile vorhalten. Das Erschreckende war für uns aber eher zu sehen, wie einfach die Leute mitzureißen waren. Von einigen hätten wir das nicht erwartet. „Scheiß doch auf die Ideale! Wollt ihr wieder absteigen? Wollt ihr im Niemandsland enden? Wollt ihr eine Fahrstuhlmannschaft werden?“ Es war eine komplett emotionsgeladene, aber vor allem angstgetriebene Debatte. Nichts anderes. Da ging es nicht um Werte oder Inhalte. Das Geld war größer als die Ideale – und das leider bei sehr vielen Leuten.

Habt ihr das Gefühl, dass im Zuge der Ausgliederung auch irgendetwas besser geworden ist?

Nicht unbedingt. Der VfB ist konzeptlos wie eh und je. Eine sportliche Idee fehlt. Wir haben es geschafft ein paar Wochen nach der Ausgliederung unseren Sportdirektor Jan Schindelmeiser auszutauschen. Der war davor für viele noch ein Argument für die Ausgliederung. Wir haben uns vorab den Mund fusselig geredet, dass man nicht wegen Personen ausgliedern soll. Genau das ist jedoch geschehen. Und genau eine der Hauptpersonen, wegen der Leute dafür waren, muss dann gleich gehen. Jetzt müssen wir für immer mit der Entscheidung leben. Nur dass Schindelmeiser, dem die Leute reihenweise vertraut haben, eben nicht mehr da ist. Besser ist durch die Ausgliederung definitiv nichts geworden. Wir hatten in der Sommerpause Geld für ein paar neue Spieler – von denen spielen jetzt einige gar nicht, vielleicht weil sie eher die Handschrift des alten Sportdirektors waren. Der neue Sportdirektor Reschke hat dann mit einer komplett anderen Strategie Spieler transferiert, von denen uns aktuell auch einige extrem weiterhelfen. Es ist halt irgendwie typisch VfB, man erhält eine einmalige Finanzspritze und wechselt während des Geldausgebens die Investitionsstrategie.

Wie hat sich das alles auf euch als Fanszene ausgewirkt?

Als Fanszene sind wir emotional inzwischen deutlich weiter von unserem Verein weg als zuvor. Die Bindung, die wir davor hatten, ist nicht mehr dieselbe. Da erodiert leider vieles. Zuvor waren wir ein Teil des VfB, konnten dort Debatten anstoßen und Mitverantwortung übernehmen. Zum Beispiel als wir uns damals für das alte VfB-Wappen stark gemacht haben. Das hat uns über Jahre begleitet und geprägt. Das ist jetzt alles weg. Wir wissen de facto nicht mehr, was beim VfB passiert. Die Kommunikation wird immer faktenärmer. Die Identifikation ist komplett verloren gegangen, die man bekommt, wenn man einen Prozess mitgestaltet und Entscheidungen beeinflussen kann. Dieses Vereinsleben ist für uns komplett vorbei. Jetzt gehen wir eben ins Stadion um Fußball zu schauen. Nicht mehr, weil wir sagen können, „Wir alle sind der VfB“. Wenn wir das heute noch sagen, hat das eher einen kämpferischen Anspruch. Die Realität spiegelt es leider nur bedingt wider.

Aktuell seid ihr sehr aktiv, was das Thema 50+1 angeht. Hat das jetzt im Zuge der Ausgliederung noch einmal an Bedeutung für euch gewonnen?

Davor war das für uns zumindest nie ein Thema. Da waren wir nicht ausgegliedert, da konnte uns 50+1 herzlich egal sein. Wir haben uns jetzt wahnsinnig schwer damit getan, dass 11,75 Prozent vom VfB weg sind. Sollte es jetzt bald der Fall sein, dass nicht mal mehr 50+1 der Anteile dem VfB gehören, dann wird es schon existenziell. Wir glauben da können viele nicht mehr mit leben.

Wie wäre denn das Prozedere falls 50+1 fällt? Aktuell dürfen nur 24,9 Prozent des VfB verkauft werden.

Für einen weiteren Anteilsverkauf braucht es das Votum aus der Mitgliederversammlung des e.V.. Aber da macht sich keiner Illusionen. Die Büchse ist jetzt offen. Wenn sie es wollen, wird es im Zweifelsfall wieder so laufen. Diese Argumentation hat ja schon einmal funktioniert: „Wir werden abgehängt. Wollt ihr, dass der VfB sonst kaputt geht? Der VfB gehört doch nach Europa!“ – Für uns ist klar: Wenn die AG-Chefs das wollen, dann werden sie auch das noch kriegen. Die große Frage ist, ob die Mitglieder bereit wären auch die Schmerzgrenze in Form von 50+1 zu überschreiten. Hier sind wir etwas positiver gestimmt, da wir viele Fanclubs dafür gewinnen konnten die Petition von 50plus1bleibt.de zu unterzeichnen. Bei dem Thema gab es im Gegensatz zur Ausgliederung auch keine Meinungsverschiedenheiten.

Vielen Dank für das ehrliche und aufschlussreiche Gespräch.

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