Die Finanzialisierung des Fußballs – vor dem Hintergrund des anstehenden Urteils des Bundeskartellamtes zu „50+1“

Der 21.02.2024 wird von Fußballfans zwischen Kiel und Burghausen als guter Tag in die jüngere Fußballgeschichte in Deutschland eingehen. Nach massiven Fanprotesten, welche von der deutlich überwiegenden Anzahl aller Fußballfans unterstützt wurden, gab die Deutsche Fußball Liga (DFL)erneut Ihren Plan auf, ein Private-Equity-Unternehmen an der Vermarktung der Bundesliga zu beteiligen. Nach dem ersten Scheitern im Mai 2023, damals an der fehlenden 2/3 Mehrheit der abstimmenden DFL-Vereine, ist die Abkehr von den Plänen dieses Mal als Reaktion auf die Proteste „von außen“ (also der Fankurven der DFL-Vereine) zurückzuführen.

Doch das nächste Thema, wenn auch wohlbekannt, steht schon in den Startlöchern: Eine mögliche Abschaffung der 50+1 Regel in Deutschland. Aktuell wird eine kartellrechtliche Überprüfung der 50+1 Regel (bzw. deren Ausgestaltung in der DFL-Satzung v.a. für sogenannte „Werksvereine“) durch das Bundeskartellamt durchgeführt. Besondere Dynamik ist durch die Urteile des Europäischen Gerichtshof (EuGH) Ende des Jahres 2023 hinzugekommen. Diese Urteile bzw. Verfahren beziehen sich grundsätzlich auf das Verhältnis zwischen Verbandsregeln und Wettbewerbsrecht – und werden nun teilweise so interpretiert, dass die Verbandsregel „50+1“ dem Wettbewerbsrecht entgegensteht. Die DFL hat jüngst verlauten lassen, dass „Die 50+1-Regel (…) ein zentraler und elementarer Bestandteil der Satzung des DFL e.V. und gilt für alle Mitglieder und Organe des Ligaverbandes“ (Süddeutsche Zeitung). Inwieweit dies auch zukünftigen Entwicklungen standhält bleibt abzuwarten. Es sei hier an die Äußerungen des damaligen DFL Aufsichtsratchefs Hans-Joachim Watzke, nach dem ersten Scheitern einer Teilveräußerung der Medienrechte aus dem Mai 2023, erinnert: „Dieses Thema ist ab heute beendet“.

Was beide Themen jedoch verbindet: Sie stehen für die „Finanzialisierung“ des Fußballs. Unter dem etwas sperrigen Begriff Finanzialisierung versteht man generell den steigenden Einfluss von Finanzmarktakteuren in einem bestimmten Bereich. Diese Akteure übertragen die Logik der Finanzmärkte – kurz zusammengefasst: Fokus auf kurzfristigen und möglichst hohen Gewinn, Dominanz von finanziellen gegenüber anderen Interessen – nun auf andere Sektoren, welche als gewinnträchtig eingeschätzt werden. So hat sich „in den letzten 20 Jahren die Größe des Finanzsektors im Verhältnis zur jährlichen Wirtschaftsleistung in der Eurozone verdoppelt“ (Finanzwende). Eine herausragende Stellung in diesem Prozess nehmen sogenannte Private Equity Firmen ein. Also Unternehmen, die Gelder von Dritten (bspw. vermögende Privatleute, Pensionsfonds etc.) in einem Fonds bündeln und mit dem Fokus auf möglichst hohe Gewinne in kurzer Zeit anlegen. Während der Handel mit Gold, Aktien oder Derivaten ehemals das „Kerngeschäft“ bildete, wurden im Zeitablauf immer neue Sektoren erschlossen. So wird mittlerweile auch ein beträchtlicher Teil von Rohstoffen und Nahrungsmittel von Finanzmarktakteuren auf den Rohstoffbörsen gehandelt, was mit dortigen Kursschwankungen einhergeht. Weltweit verwalteten Private Equity Firmen im Jahr 2022 ein Vermögen von mehr als 11,7 Billionen Dollar.

In den letzten Jahren waren auch die Bereiche Wohnen undGesundheitsversorgung gerne Ziele für Private Equity Unternehmen. Hier wird oftmals von Allgemeingütern (teilweise „Öffentliche Güter“) gesprochen, d.h. „Güter die grundsätzlich von jedem nachgefragt werden“. Klar, ein Dach über dem Kopf und eine grundlegende Gesundheitsversorgung sind allgemein anerkannte notwendige Grundbedürfnisse. Diese Grundbedürfnisse können jedoch eingeschränkt bzw. deutlich teurer zu beziehen sein, wenn man aber in einer Wohnung wohnt die vor kurzem von einem Private Equity Unternehmen gekauft und mit Verweis auf anstehende (Luxus-) Sanierung geräumt werden soll. Oder es wurde die nächstgelegene Arztpraxis aufgekauft, was mit einer Verschlechterung der medizinischen Versorgungsqualität einherging (vgl. Finanzwende Studie). Die Auswirkungen der Finanzialisierung von „Öffentlichen Gütern“ – und Praxis der Private Equity Unternehmen als zentrale Akteure – lassen sich an mittlerweile an zahlreichen Beispielen ablesen. 

Ok, aber was hat das alles mit Fußball zu tun?

Der kompletten Finanzialisierung der DFL-Vereine (ein Großteil hat mittlerweile die Profifußballabteilung ausgegliedert und dortige Kapitalanteile veräußert)  ist durch 50+1 noch ein Riegel vorgeschoben und dementsprechend auch die Einflussnahme von Finanzinvestoren begrenzt. Doch gerade diese steht, wie eingangs erwähnt, aktuell im Fokus. 

Es ist deutlich hervorzuheben, dass mittlerweile andere Akteure auf dem „Profifußballsektor“ aktiv sind, als vielleicht ursprünglich gedacht. Ging es bei den ersten Ausgliederungen der Profifußballabteilungen (in Deutschland) oftmals um die Beteiligung von „Strategischen Partnern“, langjährigen Sponsoren oder der Legitimierung von „Werksvereinen“, hat sich dies in der Zwischenzeit verändert. Jeder kennt die Berichte von (weltweiten) Vereinsübernahmen durch Oligarchen oder Staatsfonds sei es aus Russland, China, Katar oder Saudi-Arabien. Gerade das von Staatsfonds praktizierte „Sportswashing“, man kauft sich einen Fußballverein um das Image des dahinterstehenden Staates aufzupolieren, ist in aller Munde. Des Weiteren ist mit dem Konstrukt des „Multi-Club-Ownership“ ein weiteres Phänomen des „modernen Fußballs“ auf dem Vormarsch. Vereine (und mit Ihnen die dazugehörigen Fangemeinden) werden zu „Filialen“ eines Eigentümers, die dortigen Spieler werden je nach Bedarf zwischen diesen „Filialen“ verschoben. Anschauungsunterricht findet sich beim Dosen-Imperium oder der City Football Group aus Abu Dhabi.

Doch zurück zu den Private Equity Unternehmen, welche zu einer „neuen Generation von Finanzinvestoren“ gezählt werden: Deren oben skizzierte Logik – Fokus auf kurzfristigen hohen Gewinn – lässt sich natürlich ebenso auf den Profifußball übertragen. Warum sollte auf diesem Feld anders gehandelt werden? Konkrete Auswirkungen lassen sich, neben einer Verteuerung des „Fan-Seins“ (Stadion, Merchandise etc.), auch bei den Ausgaben feststellen bzw. sind perspektivisch auch in Deutschland – bei einem Ende von 50+1 – denkbar. Allgemein geht man bei Private Equity Unternehmen von einer Reduktion der Ausgaben bei Forschung und Entwicklung aus. Auf den Fußball übertragen wäre hier beispielsweise der Nachwuchs- und Frauenfußball (wenn in der ausgegliederten Abteilung vorhanden) ein entsprechender Bereich. Ein weiteres Thema, auf welches wohl weniger Fokus gelegt werden würde – Nachhaltigkeit. Bei der DFL (zumindest auf dem Papier) ein großes Thema aber speziell der 1. FC Nürnberg kann hier schon vielfältige Aktivitäten vorweisen. Warum aber sollten Private Equity Unternehmen Aktionen zur sozialen oder ökologischen Nachhaltigkeit fördern, wenn sich diese nicht monetarisieren lassen? 

Die Finanzialisierung vieler Lebensbereiche ist im vollen Gange, die Auswirkungen für die Menschen sichtbar. Es könnte sich die Frag stellen, inwiefern die Erfahrungen und Auseinandersetzungen in anderen Bereichen sich auch auf den Fußball übertragen lassen? Welche Argumente sind auf den Fußball gewandt passend und können in Diskussionen angebracht werden? Diese und weitere Fragestellungen könnten im Laufe der nächsten Monate noch relevanterwerden.

Das eingangs erwähnte Urteil des Bundeskartellamtes zu 50+1 wird mit Spannung erwartet. Bei einem Fall der Regel wird sich der deutsche Profifußball allen Anschein nach mit einer „neuen Generation“ von Finanzinvestoren auseinandersetzen müssen. Die damit zusammenhängenden Gefahren dürften das Potential haben, den deutschen Profifußball nachhaltig zu verändern – leider nicht zum Positiven.

Quellen und Literaturangaben

 

Bundeskartellamt, https://www.bundeskartellamt.de/SharedDocs/Meldung/DE/Pressemitteilungen/2024/06_02_2024_DFL_Verfahrensstand.html, aufgerufen am 21.04.2024.

Deutschlandfunk, https://www.deutschlandfunk.de/premier-league-wechsel-multi-ownership-100.html aufgerufen am 21.04.2024.

Finanzwende e.V., 

https://www.finanzwende-recherche.de/unsere-themen/finanzialisierung/, aufgerufen am 10.04.2024.  

https://www.finanzwende-recherche.de/unsere-themen/fussball-und-finanzialisierung/ aufgerufen am 10.04.2024.

https://www.finanzwende-recherche.de/wp-content/uploads/Profite-vor-Patientenwohl_Private-Equity-Beteiligungen-an-Arztpraxen-in-Deutschland.pdf, aufgerufen am 21.04.2024

Sportschau, https://www.sportschau.de/golf/saudi-arabien-sportswashing-ronaldo-benzema-golf-100.html, aufgerufen am 21.04.2024.

Süddeutsche Zeitung, https://www.sueddeutsche.de/sport/fussball-dfl-bekraeftigt-haltung-zur-50-1-regel-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-240402-99-540774, aufgerufen am 04.04.2024.